TRIBÜNE
Führungskräfte:
Die neuen Problemlöser kommen
Wir leben
in einer Zeit des schnellen Machens. Just do it - und zwar subito!
Das entsprechende Können wird immer wichtiger.
Von Betty
Zucker
Wer sind
diese Könner? Sicher nicht nur die so genannten Experten.
Dass jemand Direktor ist, bedeutet nicht zwingend, dass er einen
notwendigen Wandel erfolgreich steuern kann. MBA-gestählte
Führungskräfte sind nicht unbedingt die Besten, um
eine Marketingstrategie für Pampers umzusetzen, und Psychologieprofessoren
nicht immer die Geeignetsten, um eine Neurose zu lindern. Die
Könner sind die ganz handfesten Problemlöser - jenseits
von Titeln und hierarchischer Position.
Wie auf
Treibsand
Was kennzeichnet
den Könner? Abgesehen von seiner fachlichen Expertise muss
er erstens treibsandtauglich sein. Die neuen Technologien durchdringen
immer mehr alle Lebensbereiche, ob Sport, Sex, Politik oder
das Arbeitsleben. Technologien sind heute mehr als nur Instrumente.
Sie werden Umwelt für uns. Darin müssen wir uns bewegen
können. Und zwar auf eine Art immer wieder neu, denn die
Dinge verändern sich schnell, oft unvorhergesehen und teilweise
radikal. Dies bedeutet auch einen Sicherheitsverlust. Wir müssen
laufen können ohne festen Grund, wie auf Treibsand.
Um gut, ja
exzellent zu sein, muss sich der Könner seiner Aufgabe
zweitens mit Leidenschaft widmen. Nur dann kann man Frustrationen,
Unsicherheiten, Widerstände überwinden und Durstperioden
durchhalten. Leidenschaft ist lebenswichtig, und es wäre
schade, wenn diese vorhandene Energie sich nur in Thailand oder
im roten Porsche auf der Strasse entfalten könnte.
Um die Leidenschaft
im Beruf immer wieder neu zu entfachen, ist es gut, das Tun
am Arbeitsplatz zu hinterfragen: Welche Ideen und Aufgaben begeistern
mich am meisten? Wann schlägt mein Herz am höchsten?
Was mache im am liebsten? Welche Spur(en) will ich hinterlassen?
Bloss: Das hat seinen Preis. Leidenschaft schafft Leiden. Wer
sich beherzt in die Nesseln setzt, der muss mit einem juckenden
Hintern leben können.
Nebst Treibsandtauglichkeit
und Leidenschaft ist drittens die Fähigkeit gefragt, kollektive
Intelligenz bilden und nutzen zu können. Die Problemlösungen
werden immer komplexer und brauchen immer mehr das Zusammenspiel
autonomer Individuen und Gruppen. Es geht darum, verlässliche
Netzwerke aufzubauen und zu pflegen und damit einen intensiven
Austausch von Antworten und Leistungen unter Könnern zu
ermöglichen. Dies hat übrigens auch Folgen für
die Spesenbudgets, die momentan vielerorts gestrichen werden.
Virtualität allein genügt nicht. Man muss dem anderen
ins Gesicht schauen können, um Vertrauen zu bilden.
Arbeit im
Netzwerk
Aber auch
das Netzwerken ist heute nicht mehr das, was es einst war. Ständig
wechseln die Konstellationen. Kooperationspartner werden etwa
über Nacht zu Konkurrenten (etwa Schawinskis TeleZüri
und die TA-Media). Jahrzehntelange Konkurrenten sollen plötzlich
gemeinsam Synergien als Partner produzieren (zum Beispiel die
Bankgesellschaft und der Bankverein). Chefs werden plötzlich
Kollegen oder Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über Nacht
Vorgesetzte.
Die Entwicklung
der oben skizzierten Eigenschaften (Treibsandtauglichkeit, Leidenschaft,
Arbeit im Netzwerk) fördert die persönliche Einzigartigkeit.
Das eigene Profil wird zur Marke.
Titel sind
Schall und Rauch
Bei diesem
Prozess stellt sich eine ganze Reihe von Fragen: Welches sind
meine speziellen Fähigkeiten und Qualitäten? Wie unterscheide
ich mich von den anderen? Wie würden mich andere beschreiben?
Welcher Unterschied macht den Unterschied? Worauf bin ich am
meisten stolz? In welchem Kontext (Aufgabe, personelle Konstellation
etc.) entfalten sich meine Fähigkeiten und Eigenschaften
am besten? Und last but not least: Für welche Werte engagiere
ich mich?
So entsteht
eine "Marketingbroschüre" mit einem Portfolio von Fähigkeiten
und Zielen statt einer Auflistung von Titeln und Positionen.
Und nebenbei wird in diesem Prozess der Glaube an sich selbst
gefestigt.
Dieser Glaube
ist heute wichtiger denn je. Denn er bietet eine Basis für
die Sicherheit, innere Stärke und Stabilität, die
kein Arbeitgeber mehr bieten kann.
Das Selbstvertrauen
ist die vitalste Lebensversicherung im allgemeinen Chaos. Das
Ich ist in unserer Treibsandgesellschaft, in der sich nicht
nur die Produkte und Märkte, sondern auch die Freunde und
Partner immer häufiger verändern, mittlerweile fast
der einzige lebenslange Begleiter.
Orientierung
im allgemeinen Chaos
Anderseits
gewinnt die "professional community" an Bedeutung. Könner
wissen, dass Ego-Taktik und Hard-Individualismus ein schlechter
Nährboden für Innovationen sind.
Um neue Ideen
zu kreieren, Projekte erfolgreich durchzuziehen, braucht es
eine eingespielte Gruppe Gleichgesinnter. Deshalb wechseln immer
öfter auch ganze Teams - bis hin zu den Mitarbeiterinnen
im Sekretariat - die Firma, etwa, wenn das Umfeld am alten Ort
nicht mehr stimmt oder im neuen Unternehmen besser zu sein verspricht.
Solche Wechsel sah man jüngst, um nur zwei Beispiele zu
nennen, von der Deutschen Bank zur CS Group oder von Digital
Equipment zu Microsoft.
Leistung
- und Anerkennung
Die Zugehörigkeit
zu einer "professional community" ist natürlich nicht das
Einzige, was Könner an ihrem Arbeitsplatz schätzen
und suchen. Sie haben Freude an Wirksamkeit und Leistung, auch
oder gerade auch, wenn diese anstrengend ist. Sie sind "Lustleister".
Geraten sie in eine Umgebung organisierter Leistungslosigkeit
(mit leichtgewichtigen Schwergewichten vor der Nase), dann gehen
sie oft frustriert weg.
Sie wollen
Erlebnisse und Ergebnisse. Sie wollen erleben, dass ihr Beitrag
gesehen und vor allem honoriert wird. Aufmerksamkeit ist ein
knappes Gut in der von Informationen überfluteten Welt.
Erfolg misst sich immer mehr in Form von Beachtung und Achtung.
Das ist die neue Währung der Informationsgesellschaft.
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